Titelbild von Brodecks Bericht

Brodecks Bericht von Manu Larcenet


Das Tierische, das Menschliche und das Antlitz als Motiv in Manu Larcenets Graphic Novel Adaption von Philippe Claudels Roman "Brodecks Bericht"

von Anton Littau

Einleitende Worte


Nach Auschwitz braucht es dem französischen Philosophen Emmanuel Levinas zufolge eine neue Ethik; nämlich eine „Ethik nach Auschwitz“. 1 Die abendländische Philosophie konnte trotz der ethischen Kategorien wie Kants „Subjekt“, Heideggers „Dasein“ oder das laut Marx Bewusstsein bestimmende „ökonomische Sein“ die Gräuel des Nationalsozialismus nicht aufhalten.2

 

Als radikalen Ausweg sieht Levinas nur den „extremen Humanismus“ und die Hinwendung zum Anderen. Erst durch diese erlangt man die eigentliche menschliche Würde, da man für den Anderen Verantwortung übernimmt.

 

In Manu Larcenets Graphic Novel Adaption von Philippe Claudels gleichnamigem Roman „Brodecks Bericht“ gibt es viele Parallelen zum Denken und zur Biografie von Levinas. Das Sujet in der Graphic Novel mutet die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs an. Ein Fremder, ein Anderer erscheint in einem namenlosen Dorf und konfrontiert die Dorfbewohner mit einer unbequemen Wahrheit.

 

Manu Larcenets Graphic Novel ist sperrig, verschlüsselt und offenbart sich dem Leser nicht auf Anhieb. Es braucht mehrmaliges Lesen, bis man die Panels peu à peu entschlüsselt und sich ihre ganze Bedeutung entfaltet.

 

Nimmt man die eingangs erwähnten Thesen von Emmanuel Levinas in die Lesart der Graphic Novel hinein, so stellt sich rasch ein tiefes Verständnis über die darin ausgearbeitet Erkenntnis des Tierischen und Menschlichen sowie das Antlitz als verwendetes Motiv ein. Für die weiteren Passagen ist ein zwingend notwendig, dass man vorher schon „Brodecks Bericht“ von Manu Larcenet gelesen hat, um die Schilderungen nachvollziehen zu können.

 

Bevor jedoch mit der eigentlichen Analyse begonnen wird, müssen einzelne Ausführungen zum Denken Levinas vorangestellt werden, die nur sehr grob die Kernthesen umreißen. Für eine tiefgehende Lektüre sei Levinas Werk „Totalität und Unendlichkeit“ von 1961 empfohlen.

Das antlitz des anderen


Portrait-Fotografie des französischen Philosophen Emmanuel Levinas
©Bracha L. Ettinger

Levinas Konzept des Anderen besitzt in erster Hinsicht ethische Beweggründe und ist dementsprechend hauptsächlich der Ethik zu verorten; erst in zweiter Hinsicht sind seine Theorien ontologische, also das Seiende betreffend. 3 In der Levinas’schen Philosophie geht es hauptsächlich dementsprechend um die Frage, wie man als denkendes und kategorisierendes Ich mit der Andersheit des Anderen umgeht. 4

 

Diese Begegnung mit dem Anderen ist zunächst eine rein phänomenologische; in der der Andere einem begegnet. In dieser Begegnung fordert sein Gesicht/Antlitz dazu auf, sich seiner zu verantworten. Diese Verantwortung ist verpflichtend. Durch die Andersheit ist das Subjekt ihm gegenüber unterworfen, weil es den Anderen in seiner Gänze nicht fassen kann, aber trotzdem sich ihm zu verantworten hat. Diese Verantwortung ist dabei unendlich, weil man ihr nie vollkommen gerecht wird. 5

 

Die unbedingte Nähe des Anderen kommt durch sein Antlitz zutragen. Dieser kann man sich schwer entziehen, da sie auffordert und durch ihre Nähe sich aufdringt. Durch das Antlitz erlangt der Andere seine „Einzigkeit“. Das menschliche Sein ist im Grunde tierisch, da man um das Sein kämpft und ringt. Der gravierende Unterschied zum Tier liegt darin, dass man sich für den Anderen aufopfern kann. Dadurch erhält der Mensch erst seine Menschenwürde, wenn er für ein anderes Menschenleben einsteht und dieses verteidigt. In der Sorge um das Sein liegt auch der Grund nach Levinas für jede Tyrannei begründet. Man will sie bewahren, da man Sorge läuft, dass diese schwindet. Darin zeigt sich der Drang zur Beherrschung; zur totalitären Kontrolle. Die Gegenwart wird einer verheißungsvollen Zukunft geopfert. Alle Mittel heiligen den Zweck. Jenseits dieses Seins soll jedoch das Gute liegen. Diese findet sich aber Levinas zufolge nur in der Gegenwart. Alle Heilsversprechen müssen dementsprechend abgelegt werden, um sich nur auf den jetzigen Moment zu stützen. 6

 

Levinas betont die Wichtigkeit der Gegenwart in der Begegnung mit dem Anderen, da nur in dieser eine wirkliche Verbindung zu diesem und der ausgedrückten Unendlichkeit möglich ist, die von seinem Antlitz ausgeht. Das geschriebene Wort trägt dem nicht genüge, da im Moment der Rezeption diese schon in der Vergangenheit liegt. 7

 

Mit diesen vorangegangen Erläuterung zur Philosophie von Emmanuel Levinas sollte sich der Subtext aus Manu Larcenets Graphic Novel Adaption von „Brodecks Bericht“ nun tiefgreifender verstehen lassen.

Das Tierische und das Menschliche


In „Brodecks Bericht“ ist die Unterscheidung zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen von zentraler Bedeutung. Als Rahmen zu den eigentlichen zwei Kapiteln (der Andere und das Unsägliche) der Graphic Novel tauchen Zeichnungen auf, die das Schlachten eines Pferdes darstellen; der Hammerschlag – das Abstechen – das Durchtrennen der Halsschlagader.

 

Das Pferd wird in dieser Anleitung sachgemäß behandelt und geschlachtet. Beim Hammerschlag werden ihm die Augen verbunden, damit es nicht in Panik verfällt. Mit dem Schlag auf dem Kopf wird das Pferd betäubt, damit es keine weiteren Schmerzen, außer dem eigentlichen Schlag, erleiden muss. Im nächsten Schritt wird dem Pferd ein Stich versetzt, damit es ausbluten kann. Im letzten Zug wird dann die Halsschlagader zertrennt.

 

Dieser Akt vollzieht sich fast schon würdevoll dem Tier gegenüber, wenn man davon in solch einem Szenario sprechen kann. Es wird versucht, dem Tier so wenig Leid wie möglich zuzufügen. Die Schlächter sind sich, um mit Levinas zu sprechen, sich des Antlitzes des Pferdes bewusst und respektieren es. Sie selbst haben mit dieser Handlung Würde bewiesen und erhalten.

 

Betrachtet man die Szene, wo der Andere sein Pferd an einem Baum aufgehangen wiederfindet, so lässt dies über den Umgang der Dorfbewohner zum Anderen schließen. Die Präsenz des Anderen stiftet nach geraumer Zeit im Dorf Unruhe und ihm wird nahegelegt, das Dorf zu verlassen. Als er sich jedoch weigert, findet er einige Tage darauf sein Pferd aufgehängt an einen Baum. Im Vergleich zu Schlachten des Pferdes in den Prä-Kapiteln wurde dem Pferd des Anderen keine Würde zuteil; seinen Aufforderungen nach Unversehrtheit wurde nicht nachgegangen. Es ist somit ein beabsichtigtes Zeichen an den Anderen. Die Dorfbewohner entlarven mit diesem Akt ihre Unmenschlichkeit und gleichzeitig aber auch das Tierische in ihnen.

 

Dieser Umstand wird schon in der Episode angedeutet, wo der Bürgermeister Brodeck durch einen Schweinestall führt und vor ihm sinniert, wie die Schweine über kein Herz, keine Seele und kein Gedächtnis verfügen. Für sie ist nur das Sein und die Erhaltung des Seins von entscheidender Bedeutung. Solange der Magen gefüllt bleibt, kehrt Genugtuung ein. Dabei kennen sie keine Moral. Wenn es darum geht, die eigene Existenz zu erhalten, würden Schweine sogar ihresgleichen fressen. Brodeck läuft daraufhin voller Ekel aus dem Stall und übergibt sich.

 

Diese Szene ist eine Allegorie auf die Gesellschaftsstrukturen des Dorfes. Für den Bürgermeister sind die Dorfbewohner ähnlich zu den Schweinen. Es gibt keine Moral, nur das Fressen ist entscheidend. Bei den Dorfbewohnern ist es jedoch nicht ganz so einfach. Sie fristen ein Dasein zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen. Sie begehen Gräuel; sie verraten Brodeck an die Soldaten, ebenso die Fremden Frauen, sie töten das Pferd des Anderen, ein wenig später den Anderen selbst. Aber sie plagt auch das Gewissen. Weswegen sie Brodeck dazu nötigen, den Bericht zu verfassen, welcher die Beweggründe der Dorfbewohner für die Tötung des Anderen nachvollziehbar machen soll. Sie haben ein Schuldbewusstsein, aber suchen nach Absolution und Verständnis für ihre Tat. Der Bericht wird aber letzten Endes ins Feuer geworfen, weil die Dorfbewohner die Erinnerungen nicht ertragen können und vergessen möchten. Anderes können sie ihres Zwischendasein nicht ertragen.

 

Ähnliches berichtet auch der Pfarrer des Dorfes, als Brodeck ihn vor seiner Kirche trifft. Der Pfarrer klagt darüber, dass alle Dorfbewohner zu ihm kommen und eine Beichte abgegeben, damit sie sich selbst ihres Gewissens und ihrer Schuldgefühle entledigen können. Die Laster werden hinfällig begangen, aber danach beginnt das Sühnen für die Taten, die jedoch unerträglich erscheinen. Als einzigen Ausweg sieht der Pfarrer die Trunksucht, um den Schwall an Sünden überhaupt ertragen zu können. Das Tierische scheint vergessen zu wollen, wohin das Menschliche sich erinnert und Verantwortung für seine Taten übernehmen möchte.

 

Entmenschlichung erfährt Brodeck dabei am eigenen Leibe. Nachdem die Dorfbewohner ihn an die Soldaten übergeben haben, da sie sich nach Aufforderung der Soldaten allem Fremden entledigen sollen, wird Brodeck in Lagerhaft dazu genötigt, sich wie ein Hund auf allen Vieren zu bewegen. Laut eigenen Angaben wurde er im Lager dann „Hund Brodeck“. Mit dieser Technik kaschieren die Soldaten das Antlitz von Brodeck, womit es für sie damit leichter erscheint, die Gräuel zu begehen, die sie während des Krieges vollführen.

 

Laut Levinas fußen solche Gräuel, wo dem Anderen seine Aufforderung nicht nachgegangen wird, auf das Ringen und die Sorge um das Sein. Dies zeigt sich in der Motivation der Soldaten, die alle selbst kein menschliches Antlitz haben, sondern deformierte Fratzen aufweisen und somit selbst nichts Menschliches an sich haben. Als die Soldaten während des Krieges das Dorf besetzen, schildert der Hauptmann dem Bürgermeister eine Analogie zu Schmetterlingen. Die Gattung Rex Flammae zeichnet sich besonders in ihrem Verhalten dadurch aus, dass sie zunächst Fremde Arten in ihrem Kreis dulden und zulassen, wenn aber Gefahr droht, dann warnen sie sich untereinander, und die Fremdlinge werden den Räuber als Beute zurückgelassen. Somit sichern sie den Fortbestand ihrer eigenen Gattung.

 

Doch einen Ausweg aus dieser Misere zwischen der Sorge um das Sein liefert Brodeck selbst. In zahlreichen Panels sieht man Brodeck in der umliegenden Natur umherwandern und mit ihr interagieren. Oftmals sind es Szenen, wo Brodeck jagt und so das Überleben seiner Familie sichert. Als Naturkundler ist er mit der hiesigen Flora und Fauna vertraut und versteht die Abläufe und Zusammenhänge der Natur. Brodeck lebt somit in Harmonie mit der Natur und da er diese zu nutzen weiß, in dem er jagt und das ökologische Gleichgewicht wahrt, treibt ihn nicht die Sorge um das Sein um. Er selbst distanziert sich von den Dorfbewohnern und ihrem Mord an dem Anderen, er opfert sich für seine uneheliche Tochter, seine stumme Frau und die Greisin auf, die ihn damals als Kind auffand und sich um ihn kümmerte. Die Sorge um das Sein taucht erst auf, wenn man sich durch soziale und ideologische Strukturen, wie sie die Soldaten repräsentieren, von der Natur entfernt.

Antlitz als Motiv


Über die Graphic Novel hinweg werden häufig Portraits der Personagen gezeigt und das Antlitz als Motiv verwendet. Gleich zu Beginn, als Brodeck das Wirtshaus betritt, um Butter zu holen, herrscht Stille und aus der Maße heraus wird abwechselnd das Gesicht eines Dorfbewohners mit dem verunsicherten Brodeck gezeigt. Auch das Antlitz der Dorfbewohner ist auffordernd. Sie drängen Brodeck dazu, einen Bericht über die Vorkommnisse mit dem Anderen zu schreiben. Im fast naturalistischen Stil sind die Portraits gehalten, um die Rohheit ihrer Ausdrücke dem Leser entgegenzuhalten und die bedrückende Stimmung erfahrbar zu machen.

Das Antlitz kann dementsprechend nicht nur zum ethischen Handeln auffordern, sondern ebenfalls zum unethischen, wenn man sich ihm nicht widersetzen kann. Gleiches gilt eben für die Soldaten, die keine herkömmlichen Gesichtszüge haben, sondern stark verzerrte Visagen aufweisen, die an Ungeheuer und Monster erinnern. Mit ihrem Antlitz fordern sie die Dorfbewohner dann auf, zuerst die fremden Frauen zu schänden und umzubringen, dann aber auch Brodeck auszuliefern.

 

Die Aufforderung eines Anderen durch sein Antlitz wird häufig durch Gewalt eben gegen das Gesicht unterbrochen. Der Andere fordert einen auf, ihn unversehrt zu lassen. Ist die Ideologie stärker als das eigene ethische Empfinden, so kann man sich der Aufforderung nur widersetzen, wenn man Gewalt gegen das Antlitz ausübt.

 

Im Lager wird Brodeck, da er sich darauf einlässt, den Hund zu spielen, von seinen Mitinsassen ins Gesicht bespuckt. Als die Soldaten Brodeck nachts aus seinem Haus holen wollen, schlagen sie ihm mit einem Knüppel direkt aufs Gesicht. Seine Frau wehrt sich. Auch ihr wird mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Als die Episode mit den fremden Frauen stattfindet und ein Dorfbewohner sie an die Soldaten verrät, so schlägt Emelia, Brodecks Frau, Göbbler, welcher sie verraten hat, mit einer Ohrfeige gegen das Gesicht. So wird mit dieser Geste, von wem sie auch ausgeführt wird, deutlich gemacht, dass man sich seiner widersetzt und ihm nicht entgegenkommt. Dem Antlitz des Anderen wird willentlich nicht nachgekommen.

 

Das Antlitz des Anderen in der Graphic Novel besitzt eine unglaubliche Anziehungskraft. Dies liegt zum einen an seinem äußeren Erscheinungsbild. Seine Gesichtszüge unterscheiden sich von denen der Dorfbewohner. Zudem ist er an seinem Kopf tätowiert. Damit macht er im hohen Grade seine Andersartigkeit deutlich. Mit dem Akt des Tätowierens wird sich die Kultiviertheit einverleibt. Kultiviertheit zeugt stets von Selbstreflexion und einem kritischen Bewusstsein seiner selbst. Dieses Bewusstsein fehlt den Dorfbewohnern komplett. Allein dadurch hebt der Andere die Unterscheidung zwischen Menschlichem und Tierischem hervor und führt dies den Dorfbewohnern vor. Auch der Pfarrer bemerkt diese Wirkung des Anderen. Im Gespräch mit Brodeck äußert er, dass der Andere wie ein Spiegel ist, der einem die eigene Wahrheit über sich selbst vorhält und die man ertragen müsse.

 

Tugendhaftigkeit und Heiligkeit färben aber nicht immer auf die Mitmenschen ab. Als der Andere im Dorf erscheint, ist er großzügig den Dorfbewohnern, allen voran den Kindern gegenüber. Er schreitet durchs Dorf und es bildet sich eine Entourage an Kindern um ihn. Die Dorfbewohner stehen nur daneben und argwöhnen dem ganzen Treiben. Jegliches tugendhafte Handeln stärkt den Kontrast zu den weniger tugendhaften Handlungen, die bisher im Dorf begangen wurden. Und niemand im Dorf möchte dies zugeben.

 

Die ganze Situation eskaliert, als der Andere die Dorfbewohner ins Wirtshaus zu einer Vernissage als Zeichen seiner Dankbarkeit für deren Gastfreundschaft einlädt. Die Ausstellungsstücke beinhalten Portraits von den Dorfbewohnern selbst und der umliegenden Natur. Die Anwesenden betrachten eingängig die Werke. Sie merken an, dass die Personen zwar den Originalen nicht ähnlich, aber wahrhaftig sind. Es wird Alkohol ausgeschenkt und die Gemüter erhitzen sich. Die Dorfbewohner werden mit ihrem eigenen Antlitz konfrontiert. Dies zwingt sie dazu, sich mit ihrer Person und ihrer bisherigen Taten auseinanderzusetzen. Doch wenn ein zersetztes Antlitz auf ein zersetztes Antlitz trifft, so kann dies nur in Rage enden. Daraufhin werden die Werke und das Interieur zertrümmert. Der Andere wird zur Abreise genötigt, weigert sich jedoch, der Forderung Folge zu leisten. Erst als sein Pferd erhängt wird, gerät der Andere selbst in Aufruhr und schreit im Dorf umher. Was die Gemälde subtil äußerten, wird nun in aller Deutlichkeit hinausgeschrien; die Dorfbewohner sind Mörder. Am vierten Tag der Raserei muss der Andere dann sein Leben lassen.

 

Was hat der Andere mit seinem Aufenthalt und seiner Ausstellung zu bezwecken versucht? Nachdem man ihm nahegelegt hat, das Dorf zu verlassen, befindet sich der Andere im Stall bei seinem Pferd und summt ihm ein Lied vor. Es handelt sich dabei um den Songtext zu „Deine Schuld“ der deutschen Punk-Band „Die Ärzte“.

Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist

Es wär‘ nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt

 

Der Andere sieht es als seine Pflicht an, die Dorfbewohner zu einem Wandel zu bewegen. Dies erhofft er dadurch zu bewerkstelligen, indem er ihnen ihr Selbst vorhält und sie zur Reflexion gewissermaßen zwingt. Doch der Grad der Rohheit scheint so groß zu sein, dass der Blick ins Selbst sie nur verschreckt und sie dazu bewegt, ihre Wahrhaftigkeit weiterhin zu leugnen und bedeckt zu halten; dafür nehmen sie auch das Ableben des Anderen billigend in Kauf.

 

So sieht Brodeck auch nach der Anfertigung des Berichts den einzigen Ausweg darin, das Dorf mit seinen Lieben zu verlassen. Kein Antlitz kann die Dorfbewohner zu tugendhaftem Handeln bewegen.

Quellen


https://www.livenet.de/themen/glaube/theologie_philosophie_religion/126826-emmanuel_lvinas_das_antlitz_des_anderen_nach_auschwitz.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45424924.html

Ohly, Lukas: Der reale Andere und die Realität Gottes. Sartre und Levinas. In: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie. Hrsg. v. Schwöbel, Christoph. Band 48. Heft 2. 2006. S. 184-199.

Staniul-Stucky, Kathrin: Das Gesicht des Anderen. Der ethische Anspruch des Antlitzes in der Philosophie Lévinas’, durchgedacht am Beispiel byzantinischer Ikonen. 2010.

Budderberg, Eva: Ethik und Politik im Anschluss an Levinas – Zwischen dem einen und den vielen Anderen? In: Zeitschrift für Praktische Philosophie. Band 3, Heft 1. 2016. S. 93–124.

Liebesweisheit. Emmanuel Levinas - Der Philosoph des Anderen. Von Henning Burk und Christoph von Wolzogen. 1990, WDR Reihe: Philosophie. https://www.youtube.com/watch?v=wHqYY9Ckmlg

https://en.wikipedia.org/wiki/Totality_and_Infinity


Cover zur Graphic Novel Brodecks Bericht
©Reprodukt

Brodecks Bericht

 

328 Seiten, schwarzweiß, 29 x 23,5 cm, Hardcover mit Schuber

ISBN 978-3-95640-132-9

 

https://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/brodecks-bericht/