Ausschnitt aus dem Titelbild der Graphic Novel Gift
©Reprodukt

Gift

Garten und Gefängnis als Orte patriarchaler Manifestation

von Anton Littau

In den Jahren 1813 - 1827 vergiftet Gesche Gottfried 15 Menschen aus ihrem familiären Umfeld. Dazu zählen ihre Eltern, Kinder und Ehegatten. Weiteren 19 Personen verabreicht Gottfried im Zeitraum von 1823 - 1828 Arsen in nicht letaler Dosis. 1828 erfolgt ihre Verhaftung. Die Aufdeckung der Morde sorgt landesweit und über die eigenen nationalen Grenzen hinaus für Aufsehen. Nach drei Jahren der Untersuchung an ihren Verbrechen und andauernder Haft wird Gesche Gottfried 1831 durch das Schwert öffentlich hingerichtet.

 

Gesche Gottfrieds Verteidiger, Friedrich Leopold Voget, stellt mit seinen eigenen Publikationen seine Mandantin als eine berechnende und skrupellose Mörderin dar. Seinen Ausführungen zufolge liegen die Motive für die Tat in bloßer Bereicherung. Erst mit dem Erscheinen der Prozessakten 1950 im Moskauer Zentralarchiv und der 1987 erfolgten Übergabe aus der DDR zurück nach Bremen erhellt sich die Annahme über die Person der Gesche Gottfried. Peer Meter erhält 1988 erstmalig Einblick in die Prozessakten und beginnt mit deren systematischen Auswertung. Die Untersuchung ergab, dass Vogets eigene Schilderungen in seinen publizierten Büchern über Gesche Gottfried den Akten widersprechen und somit aufzeigen, dass dieser grob und fahrlässig aus den Protokollen zitierte. Zudem offenbaren die Akten eine Mitschuld des Bremer Bürgertums an den Giftmorden. Warnungen vor der vermeintlichen Giftgabe der Gottfried wurden ignoriert und als fälschlich abgetan. 

 

Auf die Frage nach der Schuld und wer diese denn trägt, bedient sich Scholz einer Aussage des in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebenden Juristen Carl Ernst Jarcke. Jarcke sieht den eigentlichen Träger der Schuld im damaligen Zeitgeist und in den vorherrschenden Sitten der Bremer Gesellschaft.

 

Zur selben Auffassung gelangt Peer Meter während der Sichtung der Prozessakten. In Zusammenarbeit mit der Zeichnerin Barbara Yelin stellen sie sich in ihrer Graphic Novel „Gift“ eben jener Frage, wobei es sich denn um das eigentliche Gift handelt. Mit Gesche Gottfried bekam „[…] Bremen […] die Mörderin, die es verdient[e]“.

 

Um dies zu verdeutlichen, lassen sie in ihrer Erzählung eine unbekannte Schriftstellerin kurz vor der Hinrichtung der Gesche Gottfried die Stadt Bremen und das Patriarchat in all seinen Ausprägungen erleben.

Der Garten

Um den Strapazen des Gesprächs mit Voget zu entfliehen und ein wenig Ruhe und Erholung einzuholen, beschließt die Schriftstellerin den Weg über die mittelalterlichen Wallanlagen einzuschlagen. Während sie auf einen Teich schaut, überkommen sie Unterleibsschmerzen. Was anfänglich als ein Vergiftungsakt von Voget vermutet wird, entpuppt sich schnell als der Eintritt der „monatlichen Unpässlichkeit“. In dieser Passage finden sich Aussagen zur Stellung der Frau und der Vernunft sowie ihrer Identität wieder.

Comiczeichnung, wo Gesche Gottfried ihre Kinder vergiftet
©Reproukt

Ursula I. Meyer merkt in ihrer „Einführung in die feministische Philosophie“ an, dass die Zuweisung von Frau und Natur vom Patriarchat stammt. Aufgrund ihrer Fruchtbarkeit bestand die Assoziation zur Erde und Natur. Die Identität der Frau rührt aus der Beherrschung der Natur durch das Patriarchat. Die Frau wird zum Objekt, wohingegen der Mann als Subjekt gilt. Nur ein Subjekt kann sich der Vernunft bedienen. Frauen wird somit eine eigene Denkleistung untersagt. Sie sind vollkommen abhängig vom Mann. Vermehrt wurde eben der Schriftstellerin seit ihrer Ankunft nahegelegt, der geistigen Tätigkeit nicht mehr nachzugehen und sich lieber den Bedürfnissen eines Mannes unterzuordnen. Selbst der erhoffte Gang durch die Wallanlagen beschert ihr nicht die nötige Ruhe. Als sie diese Betritt, schreiten vor ihr ein Mann im Gehstock und eine Frau mit einem Schirm voran. Der Mann bewegt sich frei, wohingegen die Frau sich bedeckt hält. Selbst in diesem von Männern geschaffenen Raum scheint sich die Schriftstellerin nicht einzufügen. Was zunächst als Vergiftung vermutet wurde, entpuppt sich bloß als der Eintritt der Periode. Während dieser Phase ist die Befruchtung ausgeschlossen. Somit kann sie dem männlichen Diktum als Gefäß für dessen Samen nicht entsprechen. Wie zuvor Voget in seinen Erinnerungen die Giftgabe der Gottfried schildert, die zuerst an den eigenen Kindern verübt worden ist, vermutet die Schriftstellerin zunächst ebenfalls eine Vergiftung vom Strafverteidiger. Als das erste Kind in Gottfrieds Armen stirbt, verschwindet der Raum hinter ihr und sie blickt erstaunt über diese Wirkung in ihn hinein. Die Giftgabe scheint damit ein Ausbruch aus eben diesen familiären Fesseln zu sein. Die in nicht tödlicher Dosis erfolgten Giftgaben stehen möglicherweise als Gottfrieds Racheakt, die Leiden einer Geburt durch das Gift den Opfern nahezubringen und sie diese Schmerzen nachempfinden zu lassen.

Mit dem Blick in den Teich und dem nicht erkennbaren Spiegelbild zeigt sich diese Fremdheit gegenüber den patriarchalen Normen. Jacques Lacan zufolge bildet sich das Ich aus dem Spiegelstadium heraus. In der frühen Kindheit vollzieht sich dieser Prozess zwischen dem 6. und 18. Monat. Erst mit dem Blick in den Spiegel erkennt sich das Subjekt in ihm wieder und beginnt eine eigene Identität zu konstituieren. Das daraus entstehende Ich ist dabei eine Imagination, die in der Zukunft verortet und dem Betrachter selbst fremd ist, da es außerhalb seiner selbst liegt. Lacan bedient sich in seiner Konzeption des Spiegelstadiums an dem Mythos des Narziss, welcher in einem Spiegelbild sich selber erkennt. Narziss wird so dermaßen von seinem Spiegelbild eingenommen, dass er seinen eigenen Körper als unzureichend empfindet. Die eigene Körperlichkeit versucht Narziss zu überwinden und mit seinem imaginären Selbst zu verschmelzen. Seit dem Anblick des Spiegelbildes wird der eigene Körper als leidvoll und schmerzbringend empfunden.

 

Verbindet man Meyers Ansatz der patriarchalen Naturzuschreibung der Frau mit dem Spiegelstadium von Lacan und dem Mythos des Narzisses, so zeigt sich die Entfremdung der Schriftstellerin mit den patriarchalen Normen der Stadt. Trotz des Blickes in den Teich scheint keine Identifikation mit dem fremden Selbst stattzufinden, da das Gesicht nicht vollends abgebildet und nur in seinen Grundzügen zu sehen ist. Die Wallanlagen, geschaffen von Männerhand, liefern der Frau das entsprechende Abbild, welches sie übernehmen soll. Würde sie sich wiedererkennen, so ist das daraus entstehende Ich ein Produkt nach der Vorstellung des Mannes. Da aber kein Erkennen stattfindet und das eigene Spiegelbild nicht erkannt wird, kann sie sich diesem Wirkungsprozess auf ihre Person entziehen.

 

Das gleiche Motiv taucht wenig später erneut auf, nämlich als die Schriftstellerin sich in ihrem Zimmer befindet und in eine gefüllte Wasserschale blickt. Eingenommen von den Geschehnissen in Bremen und die Verstrickungen, in die sie hineingezogen wurde, lassen die Umstände sie allmählich an sich selber zweifeln. Symbolhaft blickt sie in das Wasser, schöpft ein wenig davon mit ihren Händen ab und führt es an ihr Gesicht heran. Sie versucht mit ihrem imaginären, fremden Ich zu verschmelzen. Bedenkt man zusätzlich, dass dies im Obergeschoss des Wirtshauses stattfindet, so scheint sie mit dieser Geste ihre Untergebenheit gegenüber des Über-Ichs zu vollziehen, welches sich ihr von der Stadt aufgezwungen wird. Zweifel an ihrem eigenen Ich scheinen aufzutauchen. Verstärkt wird dies durch die Aufforderung des Vermieters, dass sie die Nacht über sich weitestgehend in ihrem Zimmer aufhalten soll. Gleichzeitig verbietet dieser ihr weiteren Besuch, insbesondere von Herren.

Das Gefängnis

Neben dem Garten vermutet die Schriftstellerin zunächst eine Kunsthalle vorzufinden und ist entzückt von der Idee, in ihre Reisebeschreibung ein paar Zeilen zu diesem Gebäude niederzuschreiben. Anstatt eine Kunstsammlung vorzufinden, befindet sie sich vor dem Gefängnis, wo Gesche Gottfried gefangen gehalten wird. Von der Aufseherin erfährt die Schriftstellerin, wie Voget die Gottfried unter Qualen zu einem Geständnis zwingen wollte. Die Nähe zum Garten zeugt von der übergreifenden Macht des Patriarchats über die Frau. Nimmt eine Frau nicht den ihr zugedachten Platz ein, so muss sie unter einer erhöhten Machtaufsicht stehen. Die Zuschreibung zur Natur verdeutlicht die zugedachte Aufgabe und Rolle der Frau als Mutter. Nimmt sie diese Rolle nicht ein, so steht neben dran die Institution des Gefängnisses als Ort der Machtausübung. Stellvertretend dafür steht ebenfalls der Gärtner, welcher mit einer Schaufel die Erde bearbeitet und die Schriftstellerin auf das Gefängnis verweist.

 

Foucault stellt sich in „Überwachen und Strafen“ die Frage, wie das Gefängnis in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer zentralen Strafinstitution wurde, obwohl es zuvor nur am Rande Verwendung fand. Als Macht versteht Foucault dabei nicht eine Institution, die nur diese innehat, sondern eine Strategie, die in der Gesellschaft umgesetzt wird. In seinem Kapitel „Martern“ zeigt Foucault auf, dass sich die Ermittlung und der Urteilsspruch ohne öffentliche Kenntnis vollziehen, wohingegen die Ausführung der Strafe in aller Öffentlichkeit stattfindet. In den Ermittlungen sollen keine Tatsachen oder Gründe aufgedeckt werden, sondern ein Geständnis erzwungen, was gleichzeitig einem Schuldbekenntnis gleichkommt. Mit dem anschließenden Urteil soll sich die rechtmäßige Ordnung wiederherstellen. Die Etablierung von Gefängnissen führt zu einer neuen Sozialfigur, nämlich dem des Delinquenten. Anders als ein herkömmlicher Verbrecher, der gegen das Recht verstößt, ist beim Delinquenten seine ganze Biografie als Charakteristikum ausschlaggebend. Beim Rechtsbrecher ist es nur seine Tat. Das Ausmaß der Strafe richtet sich zudem nach den Lebensumständen und nicht nur nach dem eigentlichen Vergehen. Diese Denkweise schafft nach Foucault den Verbrecher vor dem Verbrechen, welcher sich dadurch selbst von seinem Verbrechen löst.

 

Dieser Umstand, dass sich hinter der Festnahme und baldigen Hinrichtung Gottfrieds nicht weniger als die Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse verbirgt und im Verborgenen bleibt, veranlasst die Schriftstellerin zur Sorge. Nach dem Zusammentreffen mit dem Pastor und dem prozessleitenden Senator, welche aus dem Gefängnis kommen, übermannt die Schriftstellerin eine Melancholie, da sie eine tiefere Bedeutungsebene hinter dem Fall der Gottfried vermutet, diese aber nach ihrer Hinrichtung nie mehr herauszufinden sein wird. Als sie diese Zeilen äußert, konzentriert sich die Fokalisierung auf das Dach des Gefängnisses, worauf ein Vogel landet und durch den Zuruf der Aufseherin verschwindet. Versteht man den Vogel als Repräsentation für Freiheit, wie es in der Redewendung „frei wie ein Vogel“ ausformuliert ist, so lässt sich eben die eigentliche Bewandtnis der Giftmorde nicht in der Institution des Gefängnisses finden. Dadurch, dass die Schriftstellerin sich frei bewegen kann und dadurch die Stadt Bremen als Frau durchlebt und erlebt, stellt sich langsam ein Verständnis über die Umstände der Gottfried ein.

 

Erst durch die Aufseherin erhält die Schriftstellerin Einblicke in die Gefangenschaft der Gottfried. Sie ist es, welche Auskunft über die Folter gibt. Durch ein Fenster werden diese vertrauensvollen Informationen weitergegeben. Das Fenster markiert die Grenze zwischen innen und außen, und die für das Gefängnis repräsentative Verschwiegenheit ist somit aufgebrochen. Auch ist es der erste weibliche Kontakt, den die Schriftstellerin seit ihrer Ankunft in Bremen macht. Vergleicht man die vorangegangenen Gespräche mit dem Pastor, dem Vermieter und Voget, so waren deren Aussagen immer undurchsichtig. Erst eine Frau scheint hier die Wahrheit zu sprechen, die sich jedoch selbst in einem Privatraum im Gefängnis befindet, wenn auch als Angestellte. Das Rätsel um Gesche Gottfried lässt sich demnach auch nur als Frau lösen.

Die Giftmörderin - Historische Geschichte ins Bild gesetzt

Im NDR Kulturmagazin-Beitrag vom 12.04.2010 wird die Graphic Novel "Gift" besprochen und der Autor Peer Meter und die Zeichnerin Barbara Yelin kommen selbst zu Wort und schildern den Entstehungsprozess ihres Werkes.


Quellen

Bittel, Johannes: Narziß, zwischen Traum und Rausch zerissen. Ovid (Der Nazriß Mythos).Nietzsche (Die Geburt der Tragödie…). Lacan (DasSpiegelstadium). Frankfurt am Main: verlag neue wissenschaft 2002.

Bogdal, Klaus-Michael: Überwachen und Strafen. In: Foucault-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. v. Clemens Kammler, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 2008. S. 68 – 80.

Meter, Peer: Die Verhöre der Gesche Gottfried. Worpswede: Gorsia Verlag 1996.

Meyer, Ursula I.: Einführung in die feministische Philosophie. 3. überarbeitete Auflage. Aachen: ein-Fach-verlag 2004.

Scholz, Lothar: Die Gesche Gottfried. Eine kriminalpsychologische Studie. Berlin: Verlag von S. Karger 1913.

Preissler, Brigitte: Das schleichende Gift des Feminismus. http://www.welt.de/welt_print/kultur/article7066894/Das-schleichende-Gift-des-Feminismus.html (07. Januar 2018).

 


Gift

200 Seiten, schwarzweiß, 23 x 19 cm, Klappenbroschur

ISBN 978-3-941099-41-8

 

http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/gift/

Titelbild der Graphic Novel "Gift"