Ein Stapel Bücher

Empfehlungen für Graphic Novels


Übersicht über die lesenswertesten Graphic Novels

von Anton Littau

Einleitung


Im Jahr 2014 wurden in Nordamerika ganze 3.377 Graphic Novel veröffentlicht. Im Vergleich zum Vorjahr konnte man einen Anstieg der Neuveröffentlichungen von fast 10% ausmachen*.  Und laut einer weltweiten Umfrage gaben 67% der Befragten an, dass sie dazu neigen, öfters als gewohnt Comics zu lesen**.

 

Veröffentlichungen von Graphic Novels steigen rasant an. Und ob trotz der Bereitschaft, mehr davon zu lesen, muss man sich leider der Tatsache bewusst sein, dass man nur einen Bruchteil davon lesen können wird.

 

Um genau gegen dieses Dilemma anzugehen, sollen die hier aufgezeigten Empfehlungen dafür Sorge tragen, die eindrücklichsten und lesenswertesten Graphic Novels aufzulisten.

 

Diese Liste wird kontinuierlich erweitert und aktualisiert. Es wird immer kurz der Inhalt umrissen, gefolgt von einer Erläuterung, warum gerade dieses Werk sich von anderen abhebt und es wert ist, gelesen und rezipiert zu werden. Die Auswahl hier ist rein subjektiv, weswegen auch von Empfehlungen und nicht von den besten Graphic Novels die Rede ist.

 

Berichte aus Russland | Igort


Cover von Igorts Berichte aus Russland
©Reprodukt

Worum geht es? Als die russische Journalistin Anna Politkowskaja am 07. Oktober 2006 im Fahrstuhl ihres Wohnhauses erschossen wird, ist der italienische Zeichner Igor Tuveri, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Igort, über diese Tat erschüttert und schockiert. Die Tat weckt in Igort die Frage, wieso gerade Politkowskaja sterben musste und macht sich auf die Suche nach einem Sinn. Daraufhin setzt er sich intensiv mit ihrer journalistischen Arbeit zum Krieg im Kaukasus auseinander und interviewt ihr nahestehende Personen.

 

Was macht es lesenswert? Igort versucht einen Sinn hinter dem Mord an Politkowskaja und den Gewalterfahrungen der Opfer des Kaukasus-Krieges zu finden. Gerade als außenstehender vermag er es, das erlebte Leid in einen künstlerischen Kontext zu stellen, was einem unmittelbar Betroffenem aufgrund der erlebten Ohnmacht durch das Leid nicht möglich erscheint. Mit viel Sensibilität schildert er die Gräuel des Kaukasus-Krieges, vor ebenfalls Soldaten nicht verschont blieben. Dabei beschönigt oder verheimlicht Igort nichts und zeigt mit seiner Transparenz zum Schaffensprozess der Graphic Novel und seinem künstlerischen Ausdruck die Stärken einer gezeichneten Reportage auf!

Brodecks Bericht | Manu Larcenet


Cover zur Graphic Novel Brodecks Bericht
©Reprodukt

Worum geht es? Eines Abends, in einem namenslosen Dorf, möchte der titelgebende Brodeck zum Wirtshaus, um ein Stück Butter zu holen. Als er dort ankommt, findet er das Wirtshaus voll von den hiesigen Dorfbewohnern. Es stellt sich heraus, dass dem Anderen, der erst vor Kurzem ins Dorf gekommen war, um Studien durchzuführen, dort etwas zugestoßen ist und dass die Dorfbewohner darin involviert sind. Diese drängen Brodeck dazu, einen Bericht zu verfassen, in dem die Beweggründe, wie es zum Unglück mit dem Anderen kommen konnte, genau geschildert werden. Während Brodeck diesen Bericht verfasst, muss er sich unweigerlich mit seiner eigenen Kriegsvergangenheit auseinandersetzen und deckt dabei das, was unausgesprochen sich durchs Dorf zieht, mit seinem Bericht auf.

 

Was macht es lesenswert? In stillen, naturalistischen Zeichnungen ergründet Manu Larcenet die conditio humana***; insbesondere wie Menschen sich im Kollektiv jedweder Moral verhalten können, in dem ein Fremder, ein Anderer die gesetzte Ordnung stört. Dabei ist das Sujet alles andere als selbsterklärend. Die Redebeiträge sind auf ein Minimum beschränkt. Es gibt viele Panels, die komplette Stille aufweisen und keine einzige Sprechblase zu sehen ist. Genau wie Brodeck für sich die Geschehnisse entschlüsseln muss, fordert Lacenet ebenfalls den Leser heraus, für sich einen schlüssigen Plot auszumachen.

Cowboy Henk | Herr Seele & Kamagurka


Cover zu Cowboy Henk
®Edition Moderne

Worum geht es? Mit Cowboy Henk schufen die belgischen Künstler Herr Seele und Kamagurka eine Reihe von humoristischer und skurriler Comic-Strips. Die Serie debütierte 1981 in der Tageszeitung De Morgen und wird bis heute fortgeführt. Der gleichnamige Held erlebt dabei in jedem neuen Strip absurde Situationen. Nur um ein Beispiel zu schildern; Cowboy Henk spaziert an einer Promenade entlang. Ein Fremder guckt aufs Meer und hält andächtig seine Hände überkreuz hinterm Rücken. Henk entblößt sein Glied und legt dieses in die Hände des Fremden, Dieser erschrickt und versetzt Henk einen Schlag ins Gesicht. Am Boden liegend und voller Tränen schluchzt Henk: „Ich dachte, es ist Valentinstag... Da wollte ich mal nett sein“.

 

Was macht es lesenswert? Um die Abenteuer rund um Cowboy Henk richtig genießen zu können, darf man nicht voreingenommen die ersten Strips anschauen. Der Genuss liegt dabei, oftmals einfach aufgrund der Absurdität überrascht zu sein, dass man überhaupt auf diese Idee kommen konnte. Für Freunde von schwarzem Humor wird Cowboy Henk sicherlich ein Lächeln zaubern. Trivia: Das Henk als Cowboy betitelt wird liegt daran, dass er in den ersten Comic-Strips tatsächlich als Cowboy auftrat. ****

Der Fotograf | Guibert – Lemercier – Lefèvre


Cover zur Graphic Novel Der Fotograf
©Edition Moderne

Worum geht es? Im Jahr 1986 reist der Fotograf Didier Lefèvre nach Afghanistan, um im Auftrag von „Ärzte ohne Grenzen“ ihre Arbeit dokumentieren zu lassen. Während dieser Zeit tobt der Krieg zwischen der ehemaligen Sowjetunion und den Mudschaheddin. Lefèvre fängt dank seiner Fotokamera den stressigen und strapazierenden Alltag der freiwilligen Helfer ein sowie das Leben der hiesigen Bevölkerung. Die drei Bände erzählen von der Ankunft in Afghanistan, dann von der eigentlichen Umsetzung der medizinischen Mission sowie der Versuch der Rückkehr nach Frankreich.

 

Was macht es lesenswert? Die Symbiose zwischen Fotografien und Zeichnungen machen aus „Der Fotograf“ ein eindrückliches Zeitdokument über den Afghanistan-Krieg und beweisen, dass gezeichnete Reportagen sich nicht vor anderen Medien verstecken müssen; auch nicht vor ihrem Wahrheitsgehalt. Dazu tragen neben Lefèvres Fotografien die Gestaltung von Frèderic Lemercier und die Zeichnungen Emmanue Guibert bei. Ein eindrückliches Plädoyer an die Zerbrechlichkeit des Menschen in Zeiten des Krieges.

In meinen Augen | Bastien Vivès


Cover zur Graphic Novel In meinen Augen
©Reprodukt

Worum geht es? Wir blicken durch die Augen eines Verliebten auf eine junge, rothaarige Frau, die sogleich sein Interesse und Begehren weckt. Wir lernen sie nur aus seinem Blick kennen und lauschen, was sie zu sagen hat; wie die Liebe entfacht, aber immer wieder erlischt und abflacht. Es ist und bleibt kompliziert, bis zu dem Zeitpunkt, wo sie nach Hause möchte und auf die nächste Metro wartet.

 

Was macht es lesenswert? Mit diesem durch und durch visuellen Experiment verdeutlicht Bastien Vivès, wie stark Liebe die eigene Wahrnehmung trüben und wie wenig Worte dieses Gefühl umschreiben können. Ganz nach Wittgensteins Ausruf „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, kann der stumme Protagonist seine Liebe nicht in Wort fassen, sondern ihr nur fast tatenlos zuschauen, wie sie ihm sich nähert, aber dann auch wieder entfernt. Einziger Hinweis auf seine Gefühlswelt bleiben die wahrgenommenen Farben und Formen, die uns Betrachtern nur Einblicke durch seinen Blick gewahr werden lassen.

Lost Girls | Alan Moore & Melinda-Gebbie


Cover zur Graphic Novel Lost Girls
©Top Shelf Productions

Worum geht es? Im Jahr 1913 treffen sich im alpinen Hotel Himmelgarten drei Frauen; Alice, Dorothy und Wendy. Während ihres Aufenthalts im extravaganten Hotel teilen die Frauen sich gegenseitig ihre sexuellen Erlebnisse und lassen diese während ihres Aufenthalts neu aufblühen. Es beginnt eine Reise der Lust und der Leidenschaft.

 

Warum ist es lesenswert? Mit ihrem kontroversen Werk schaffen Alt-Meister Alan Moore und Melinda-Gebbie ein virtuoses Zeugnis über sexuelle Emanzipation und Selbstbewusstsein. Das Pikante dabei ist, dass es sich um Märchenfiguren handelt, die ihre Asexualtität beiseitelegen und sich ihre Leidenschaft erkämpfen. Genauso wie sich die Figuren im Sujet sich spielerisch ihren Gelüsten hingeben, experimentieren Moore und Gebbie mit verschiedenen Stilen, Perspektiven, Darstellungsformen und Erzählweisen. So beginnt die Graphic Novel aus der Sicht von Alice magischen Spiegels, nur um wenig später in ein lustvolles Schattenspiel zwischen Wendy und ihrem Mann Harold Potter überzuleiten, die auf verborgene Gelüste hindeuten.

Maus & Meta-Maus | Art Spiegelmann


Cover zu Art Spiegelmans Maus
©Pantheon

Worum geht es? Der Comic-Zeichner Art Spiegelman befragt seinen Vater, Vladek Spiegelman, nach seinen Erfahrungen als Überlebender des Holocausts während des Zweiten Weltkriegs. Dabei muss sich Art immer wieder mit seiner schwierigen Beziehung zu ihm stellen sowie der Abstinenz seiner Mutter, welche sich das Leben nahm. Außerdem stellt Art sich die Frage, wie man die Geschehnisse um seinen Vater ansprechend gestalten kann und ob dies generell möglich ist.

 

Mit MetaMaus erschien 2011 ein Begleitband zum eigentlichen Werk. In MetaMaus finden sich zusätzliche Angaben über den ganzen Entstehungsprozess von Maus und zusätzliche Interviews mit Vladek und dem Rest von Art Spiegelmans Familie.

 

Warum ist es lesenswert? Die Bedeutung von Maus für Graphic Novels kann nicht oft genug betont werden. Mit der Verleihung des Pulitzer Preises 1992  als erste Graphic Novel wurde dem Medium die notwendige Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil, um die es seit Will Eisners „Ein Vertrag mit Gott“ gekämpft hat. Vladeks erzählte Geschichte ist fesselnd, traurig, beklemmend, aber auch optimistisch, da er nach dem Zweiten Weltkrieg nie aufgegeben hat, für sein Glück zu arbeiten. Und mittendrin steht Art, welcher versucht, und es gleichzeitig unser Versuch wird, das, was damals im dritten Reich geschehen ist, zu verstehen und zu fassen.

Otto | Marc-Antoine Mathieu


Cover zur Graphic Novel Otto
©Reprodukt

Worum geht es? Otto Spiegel, ein weltbekannter Performancekünstler, erhält nach dem Tod seiner Eltern einen Koffer, die alle Momente seines Lebens beinhalten. Die Krux dabei ist, dass er selbst sich nicht an sein frühen Kindheitstage erinnern kann. Ab diesem Moment an beginnt die Ottos Suche nach seinem Selbst und die Antwort auf die Frage, wer man sie und was einen ausmacht.

 

Warum ist es lesenswert? Marc Antoine-Mathieu springt mit Otto ich hoch-philosophische Tiefen, die das Selbst eines Menschen betreffen. Virtuos erzählt er die Geschichte von Otto und seiner Selbstfindung, die mehrmaliges Lesen und Hinschauen voraussetzt; ob nun erneut von vorne oder beginnend ab dem Ende...

Quellen