Coverbild der Graphic Novel "Im Westen nichts Neues"

"Im Westen nichts neues" als graphic novel

Peter Eickmeyers Adaption und die Wirkungserweiterung des Originals

von Anton Littau

Peter Eickmeyer veröffentlicht seine Adaption von Erich Maria Remarques Anti-Kriegs-Roman "Im Westen nichts Neues" im Jahre 2014,  genau 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges,  und bereitet die Geschehnisse rund um Paul Bäumer in einer Graphic Novel neu auf. Eickmeyer greift auf die bildhafte Poetologie von Remarques Werk zurück und schafft mit den Mitteln der Graphic Novel eine zusätzliche Erfahrungsebene, die eine neue Wirkung auf den Leser entfaltet. Wie diese Wirkungsästhetik ausgearbeitet ist, soll im Folgenden nachgegangen werden.

 

In Bezug auf Adaptionen sämtlicher Art unterscheidet Werner Wolf zunächst zwischen direkter und indirekter Intermedialität. Während bei der direkten Intermedialität zwei Medien zu einem hinzugefügt und beide in ihren medienspezifischen Konventionen intakt gehalten werden, tritt bei der indirekten ein Medium zurück. Bei der Adaption von "Im Westen nichts Neues" handelt es sich um eine direkte Intermedialität. Die Kernbausteine der Graphic Novel sehen wie folgt aus.

Schematische Darstellung einer Hierarchie der Elemente einer Graphic Novel

Die hier aufgezeigte hierarchische Ordnung zeugt nicht von der Überhand eines Bausteins durch das andere. Die Reihenfolge entspringt einer möglichen Wahrnehmungsabfolge. Die Annahme lautet, dass beim Lesen einer Graphic Novel zunächst der Text bzw. die Sprechbeiträge gelesen, dann die Panels, die sehr nah am Kerntext platziert sind, und zum Schluss das Gesamtbild, welches die ganze Seite einnimmt, betrachtet werden.

 

In der Graphic Novel werden beide medientypische Charakteristika beibehalten, wobei sich gewisse Umwandlungen festmachen lassen. Der Text von Remarque wird unverändert wiedergegeben, selbst die damalige Orthografie wird übernommen. Einzige Eingriffe finden sich in Form von Streichungen, die die Textpassagen auf seinen Kern komprimieren. Obwohl in Graphic Novels aufgrund der Panelstruktur Textfragmente üblich sind, präsentiert sich der Originaltext stets als Ganzes. Nur ab und an, meistens in Form von Sprechbeiträgen, werden Textversatzstücke neben den Panels platziert. Zwar besitzt die Adaption einzelne Panels, doch findet sich kein gutter (Rinnsal), welches elementar für die Induktion ist. Aufgrund dieser Anordnung sind Text und Bild voneinander getrennt und ihre eigene Medialität tritt stärker hervor. Die hauptsächliche narrative Leistung trägt der Text. Die Bilder sind verstärkt wie Gemälde ausgearbeitet. Wo in Comics meist das Bild/Panel die Handlung in gleichem Maße wie der Text voranbringt, ist dieses Paradigma bei Eickmeyer aufgebrochen.

Szene aus dem Klassenzimmer aus der Graphic Novel "Im Westen nichts Neues"
Szene aus dem Klassenzimmer ©Splitter Verlag

Sebastian Bartosch und Andreas Stuhlmann sprechen bei Comic-Adaption von einer umgekehrten Ekphrasis, da das Bild versucht, den Text visuell erfahrbar zu gestalten. Als Ekphrasis versteht man eigentlich einen Text, welcher die Repräsentation und Eindrücke von hauptsächlich visuellen Kunstwerken literarisch ausarbeitet und diese Empfindungen anhand des Textes vermitteln will. In dieser Hinsicht kann bei Eickmeyers Adaption nicht nur von einer umgekehrten, sondern von einer zweiteiligen Ekphrasis ausgegangen werden. Remarques Text sowie Eickmeyers Zeichnungen bedingen einander und versuchen die Eindrücke in ihren eigenen, den Medien immanenten Möglichkeiten umzuwandeln und auszudrücken. Da sich nur sehr wenige Panels finden und diese zumeist sich auf ein Gesamtbild befinden, ist das Tempo des Textes gedrosselt. Neben dem Lesen tritt das bedächtige Schauen hinzu.

 

Die in der Graphic Novel ausgearbeitete Bildhaftigkeit des Geschehens findet sich schon bei Remarque wieder. Maria Brandi und Nicole Lehmann zufolge finden sich häufige Komposita im Roman, "um Personen, Handlungen und Gefühle so bildhaft wie möglich darzustellen". So wird unter anderem der Koch als "der Küchenbulle mit seinem Tomatenkopf" geschildert. José 

 

Santos zeigt zudem auf, wie die Bildhaftigkeit anhand von Metaphern erweitert wird. Häufige Metaphernfelder finden sich aus dem Naturbereich, allen voran der vier Elemente wie Wasser und Erde. Eine starke Zugehörigkeit empfindet der Soldat zur Erde: "Aus der Erde, aus der Luft aber strömen uns Abwehrkräfte zu, - am meisten von der Erde." 

 

Mit dem Gesamtbild fügt Eickmeyer zudem eine neue Fokalisierung hinzu. Mit den Bildern versucht er den Blick auf einen bestimmten Aspekt zu lenken, welche durch die Sukzession des Lesens Gefahr läuft, überflogen zu werden.

 

Eickmeyer greift zudem das poetologische Kernelement der Bildhaftigkeit dahingehend auf, um es um Motive, die in den 1920er und 30er zur Kriegsdarstellung aufkamen, zu erweitern. Mit dem Begriff der "translability" versteht Walter Benjamin die historischen und linguistischen Bedingungen, in die ein Text inmitten eines Netzwerks an Texten eingebunden ist. Um genau diese historische Komponente erweitert Eickmeyer die Geschehnisse im Roman und fügt zum Text die historischen Bilder über Krieg hinzu. Kunsthistorische Zitate finden sich aus Pablo Picassos "Guernica" und Otto Dix' "Sturmtruppe geht unter Gas vor".

Recherche zur Graphic Novel "Im westen nichts neues"

In der WDR-Sendung "Lokalzeit OWL" gewährt Peter Eickmeyer Einblicke in den Entstehungsprozess seiner Graphic Novel von "Im Westen nichts Neues" und zeigt unter anderem, wie viel Recherche-Arbeit für die Adaption vorangegangen war.


Quellen

Bartosch, Sebastian u. Stuhlmann, Andreas: Reconsidering adaptation as translation: The comic in between. In: Studies in comics Bd. 4, H. 1 (2013). Bristol: Intellect Verlag. S. 59 - 73.

Boschenhoff, Sandra Eva: Tall Tales in Comic Diciton. From Literature to Graphic Fiction. An Intermedial Analysis of Comic Adaptations of Literary Texts. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2013. S. 46 ff.

Brandi, Maria u. Lehman, Nicole: "Unsere durchsiebten, durchlöcherten Seelen". Krieg und Kampf in sprachlichen Bildern bei Erich Maria Remarque, "Im Westen nichts Neues". In. Das Deutsche Reich ist eine Republik. Beiträge zur Kommunikation und Sprache der Weimarer Zeit. Hrsg. v. Horst D. Schlosser. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2003. S. 29 - 37.

Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Berlin: Im Propyläen-Verlag 1929. S. 7.

Santos, José António Conceição: Metaphernfelder und Themenbereicher der Metaphorik. In: Estudios filológicos alemanes: revista del Grupo de Investigación Filología Alemana. Bd. 24 (2012). S. 423-433.


Im westen nichts neues

176 Seiten, mit einem Nachwort von Dr. Thomas. F. Schneider, Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum (Osnabrück), Hardcover, Bookformat 200 mm x 280 mm

ISBN 978-3-86869-679-0

 

https://www.splitter-verlag.de/im-westen-nichts-neues-graphic-novel.html

Cover der Graphic Novel "Im Westen nichts Neues"